|
Alte Zeit und neue Kunst
"Eine Pension voll von guten alten Zeiten und so voll von guter neuer
Kunst", schrieb der niederländische Schriftsteller A. F. Th. van
der Heijden ins Gästebuch seiner Berliner Unterkunft in der Bleibtreustraße
19. Kurze Zeit später verewigte er die Pension Kettler und ihre Chefin Isolde Josipovici
sogar in einem Buch.
Dass sich der prominente Holländer in der Bleibtreustraße so wohl
fühlte, lag nicht nur an dem antik-nostalgischen Ambiente des Sechs-Zimmer-Hotels,
sondern auch an dem besonderen Charme seiner umtriebigen Besitzerin.
Wohnen mit Berliner Charme
Isolde Josipovici ist wohl das, was man ein Berliner Original nennt. Wortreich,
quirlig, auf vielen Hochzeiten tanzend und liebevoll fürsorglich. Und
wie alle typischen Berliner ist sie einst zugereist - aus Ludwigshaven. Was
sie nicht davon abhält, sich vehement und regelmäßig in die
Berliner Politik einzumischen. Vielen Hauptstädtern das ehemalige Mannequin
wegen ihres ständigen Engagements, Sponsoren für die Berliner Wasserspiele
aufzutreiben, als Brunnenfee ein Begriff.
Mehr als 100 Jahre Tradition
Die Pension Kettler übernahm sie 1972. Gegründet wurde das Unternehmen
jedoch schon vor 102 Jahren. Im Jahr 1900 eröffnete die Familie Kettler
das Domizil zunächst an der Ecke Ranke- und Augsburger Straße. 1936
zog das kleine Hotel um in das 1902 erbaute hochherrschaftliche Haus in der
Bleibtreustraße.
Gästezimmer als Gesamtkunstwerk
Als Isolde Josipovici das 280-Quadratmeter-Hotel übernahm, war es jedoch
nicht in bestem Zustand. "Mein Ehemann, der Kunsthistoriker und Kunsthändler
war, riet mir damals eher ab." Doch die energische Frau ließ sich
nicht abhalten, griff selbst zum Handwerkszeug und stromerte durch Antiquitätengeschäfte
und Trödelläden. Sie kaufte alte Lampen, moderne Bilder, fand exquisite
Stühle, die sie selbst wieder aufarbeitete. So wurde die Pension Kettler
zu dem Gesamtkunstwerk, das sie heute ist. Moderne Kunst steht hier neben Antiquitäten
und ein Stück der Berliner Mauer gehört ebenfalls zum Interieur.
Kein Gästezimmer ist wie das andere. Dabei ist alles harmonisch aufeinander
abgestimmt. Jeder Raum hat seine Farbe. "Das gold-gelbe ist mein Lieblingszimmer."
Manche Gäste sagen, sie fühlen sich hier wie in der Kindheit bei
den Großeltern.
Plauderei mit Tee in der Küche
Mit vielen Gästen verbindet Isolde Josipovici inzwischen auch Freundschaft.
Bei einer Tasse Tee in der riesigen altberliner Küche läßt
es sich mit der Pensionswirtin vortrefflich übers Leben plaudern, das
ihr selbst etliche Höhen und Tiefen bescherte. "Das Leben ist wie
die Börse. Ein Geradeaus gibt es nicht", sagt die Mittfünfzigerin,
die eben bei Filmemacher Lothar Lambert ihr Schauspieldebüt gab, heute.
Die Mischung aus Lebendigkeit, Tradition und Behaglichkeit scheint auch den
Gästen zu gefallen, von denen viele immer wieder kommen.
kheid |